Wenn eine coole Idee versehentlich rassistisch wird und wie Sensitivity Reading helfen kann

Oder was die hautfarbenen Buntstifte meines Kindes mit meinem Job als Sensitvity Readerin zu tun haben.

Jippieh – eine praktische Lösung!

Die Freude war groß bei mir im Herbst 2019. In den USA wurden neue Buntstifte (World Color) gelauncht. Klingt nun nicht so richtig spektakulär, aber das besondere daran war, dass es in der Packung nicht nur den üblichen beige-flamingofarbenen einen Hautfarbenstift gab, sondern drei Stifte und zwar mit sechs Hautfarben. Die „besonderen“ drei Stifte sind nämlich von beiden Seiten angespitzt. Ich fand das sehr praktisch, so kann ich für Schulkinder gleich die Buntstifte mit den hautfarbenen Stiften in einem Rutsch anbieten. Bisher empfahl ich diese Stifte hier und dann noch einmal klassische Buntstifte und dann passen nicht mehr alle ins Mäppchen. 

Ich habe also gleich bei der Großhandlung angerufen und wollte sie bestellen – leider gab es die noch nicht in Deutschland. O.k. die herstellende Firma via facebook angefragt (kleiner Tipp: meist sind die Media-Teams besser informiert und reagieren schneller als die Menschen, die klassische Mails beantworten). Die Antwort dort war: in Deutschland erhältlich ab Frühjahr/Sommer 2020.

Antirassismusarbeit dauert manchmal etwas länger

Ich brauchte also noch etwas Geduld und im Mai 2020 bemühte ich erneut die Großhandlung, denn für die Schulausstattung und für die Schultüten von Erstklässler*innen nach den Ferien (sofern nicht Corona nicht dazwischenfunkt) wäre das schon ein praktisches Produkt im Shop.

Wie immer bei Hautfarbenen Stiften ist das bei meiner Großhandlung eine Sonderbestellung auf Kundinnenwunsch. Das heißt ich muss die bestellten Stifte abnehmen, kann sie also nicht zurückgeben und es dauert. Vor dem Tod von George Floyd waren Hautfarbenstifte offenbar nicht das Produkt für den ganz großen Markt und sie liegen daher nicht standardmäßig im Lager.

Als endlich das Paket mit den Stiften ankam, war die Freude groß. Wesentlich größer war dann aber das Entsetzen, als ich bei einem guten Tee nachmittags die Stifte ausgepackt habe. Es war eine ganz andere Verpackung als im Amerikanischen Raum. Mit schlimmen stereotypen Darstellungen von Kindern, die ich als rassistisch einstufe. In jeder Beratung würde ich von einer solchen Darstellung abraten. Jedes Buch mit solchen Zeichnungen würde ich kritisieren und nicht in den Shop aufnehmen und nun sitze ich bei meinem Tee, den ich fast nicht runter bekomme.

Ich frage mich: Wie kann es dazu kommen, dass eine Firma ein bestehendes Produkt im deutschsprachigen Raum einführt und nicht vorher ein Bild-Sensitivity-Reading bei einem so sensiblen Thema machen lässt? Und wieso überhaupt ein anderes Bild nehmen, wo es doch tolle gibt?

Ehrlich gesagt fing hier der Blogbeitrag an ausführlich aktivistisch zu werden. Das habe ich dann weggekürzt und komme zum Ergebnis.

Mein Entschluss ist, dass ich die Stifte im Shop verkaufe (hier die 10+3 und hier die 20+3 Packungen) und darauf hinweise, die Verpackung ganz schnell zu entsorgen – noch bevor die Stifte verschenkt werden. 

Die Qulität der Stifte ist einfach ein Träumchen. Sie lösen außerdem ganz praktisch ein Problem mit dem Platz im Standarmäppchen und ermöglichen es, dass Kinder sich und Freund*innen in ihrer Vielfalt zeichnen können. So viel zu den positiven Aspekten der Stifte.

Was kann aber jetzt das herstellende Unternehmen machen?

Sensitivity Reading spart Geld für einen Relaunch

Dem Konzern werde ich wahrscheinlich noch einen Flyer von mir als Sensitivity Readerin und einen Link zu diesem Beitrag zusenden. Denn genau das ist ein Teil meiner Arbeit. Analysieren, wie man möglichst diskriminierungsfrei kommuniziert. Und als Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt Illustration kann ich das neben Texten auch richtig gut bei Bildern.
Mein Vorschlag wäre gewesen, ganz einfach die tollen Bilder der Verpackung aus dem US-Raum zu verwenden. Auf dem einfach die Köpfe verschiedener fröhlicher Kinder gezeichnet sind. Das wäre nicht viel Aufwand meinerseits gewesen und der Konzern hätte sich negative Publicity (ich habe schon schlimme Kommentare zu den Stiften gelesen wegen der Bilder) gespart. Außerdem hätten die Kosten für das gesonderte Design mit Extra-Illustration für den Deutschsprachigen Raum gespart werden können.
Und ich hätte die Stifte dann richtig freudestrahlend in den Shop aufgenommen statt mich ein wenig an meinem Tee zu verschlucken.
Meine Empfehlung jetzt an die Firma ist: Relaunch mit neuer Verpackung.

Das Kind will die Stifte übrigens trotzdem haben – “Mama, ich habe echt viele Stifte verloren im letzten Jahr und die hier malen so gut. Kannst Du bitte wieder solche kaufen?”. O.k., mache ich, aber die doofe Verpackung wandert in den Müll und ich schreibe an die Firma.