Gendersternchen: Qual oder Wahl?

Nächtliche Landschaft mit Sternen und Sternschnuppe, gezeichnetem Mond und riesigem Sternchen. Text: Gendersternchen. Anglizismus des Jahres 2018. Eingefügtes Foto von Oda Stockmann mit Sprechblase: Qual oder Wahl?

Wie das kleine Gendersternchen zum Anglizismus des Jahres 2018 wurde.
Und was gendern eigentlich heißt.

Das Gendersternchen gab es früher nicht. Früher gab es vieles nicht. Zum Beispiel Handys. Sprachlich betrachtet sind beides Scheinanglizismen. Also Wörter die es so im Englischen nicht gibt, aber im Deutschen Sprachraum verwendet werden. Das Gendersternchen war zuerst der „Gender Star“ und wurde dann zum Gendersternchen.

Was macht dieses Gendersternchen denn nun aus?
Was bewirkt es?

Im Computerbereich ist es bekannt als Platzhalter für andere mögliche Zeichen. Als Platzhalter, um mehr und weiter zu denken. Und so verstehe ich es sprachlich auch als Platzhalter für „mehr“ als dem, was genannt wurde bisher. Aus den Mitarbeitern werden zum Beispiel „die Mitarbeiter*innen“ oder je nach Geschmack „der*die Mitarbeiter*innen“. Durch die Verwendung des Sternchens wird der Begriff gegendert und bietet damit Raum für mehr als die männliche Form beziehungsweise die männliche und die weibliche Form.

Die männliche Form wird bei uns nämlich meistens angewendet und soll alle Menschen „mitmeinen“. Egal, ob sie männlich sind und sich selbst als männlich sehen oder eben nicht. Das ist es, was gemeint ist, wenn „generisches Maskulinum“ gesagt wird.
Als Beispiel: Wir sprechen von Lehrern und gemeint sind alle Menschen, die eine Lehrtätigkeit ausüben.
Nun sind aber längst nicht alle lehrenden Menschen männlich oder möchten männlich angesprochen werden. Um beim Beispiel Lehrkraft zu bleiben.

Um keine Verwirrung zu stiften, bietet es sich an, zumindest grob die geschichtliche Reihenfolge zur Veränderung des generischen Maskulinums zu betrachten.
Zunächst wurde das Binnen-I eingeführt, um auch Frauen sprachlich zu benennen. Etwa in den 1980iger Jahren entbrannte der Diskurs um das Binnen-I so weit, dass es auch weit außerhalb feministischer Kreise diskutiert wurde. Davor gab es noch kompliziertere Schreibweisen mit Klammmern (), Bindestrich-Schrägstrich-Kombination plus dem I.
Damals fand ich das übrigens alles völlig übertrieben und sinnlos. Manche Prozesse brauchen wohl einfach Zeit.

Der nächste Schritt war der Gender-Gap, eine Lücke in Wörtern, die Anfang 2000 aufkam im Deutschen Sprachgebrauch. Sie soll darauf hinweisen, dass es Menschen gibt, die sich nicht dem binären System zugehörig fühlen. Ein binäres System bedeutet, dass zwischen dem einen oder anderen unterschieden wird, es NUR zwei Möglichkeiten gibt. Das Gender-Gap ist eine Leerstelle, also eine Art Platzhalter, und wird durch einen Unterstrich gekennzeichnet. Also zum Beispiel Lehrer_Innen.
Dieser Gender-Gap wurde von Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde aufgegriffen und durch das Gendersternchen ersetzt. Das Sternchen lädt dazu ein, Begriffe weiter zu denken und Raum für mehr als männlich und weiblich zu lassen.
Diesen Gedanken finde ich super. Daher verwende ich das Gendersternchen und empfehle es auch. Eingeschränkt zumindest.

Alle Varianten haben leider auch Nachteile:
Zum Beispiel gibt es grammatikalische Schwierigkeiten bei Verwendung des Binnen-Is, des Gender-Gaps und des Gendersternchens. Die Sätze können nicht mehr einfach und korrekt aufgebaut werden. Das wiederum führt zu Verständnisproblemen und schränkt den Lesefluss ein. Für mein Empfinden wird der Lesefluss durch den Gender-Gap also den Unterstrich mehr eingeschränkt als durch das Gendersternchen. Ich lese gerne schnell, da merke ich für mich einen Unterschied. An das Sternchen habe ich mich aber schnell gewöhnt und finde es mittlerweile seltsam, wenn es fehlt und Texte sehr auf eine „männliche“ Zielgruppe ausgerichtet sind. Das Binnen-I geht mir von der Idee her nicht weit genug.

Der Gender-Gap lässt zudem eine Lücke und welche Person mag sich als Platzhalter oder Lücke sehen? Ähnliches gilt für das Gendersternchen, wie manche Menschen kritisieren. Ich persönlich empfinde es eher als ein Weiterdenken und Mitdenken. Das Gendersternchen bereitet der Software, die Menschen mit Sehbehinderung hilft, Schwierigkeiten beim Vorlesen. Aus Lehrer*innen wird vorgelesen: Lehrer-Sternchen-innen. Das ist dann weder für das Verständnis noch für die Vorlesegeschwindigkeit eine Freude.

Auch gibt es viele Menschen, die die vorgestellten Varianten kritisieren und die Emotionen kochen hoch dabei. Oft wird von Genderquatsch gesprochen und alles als völliger Blödsinn dargestellt. Von allen Seiten. Manche wollen nicht extra genannt werden, manche wollen nicht extra nennen und manche fordern dass sie extra genannt werden und manche wollen unbedingt alle Menschen benennen.
Insgesamt ist es also nicht leicht. Aber es gibt für alles eine Lösung, solange wir sie suchen. Wichtig ist, dass wir sie gründlich suchen und nach bestem Wissen und Gewissen eine Wahl treffen.

Was ist also die Empfehlung rund um Gendern und das Gendersternchen?

Ich empfehle trotz aller Schwierigkeiten zu gendern. Das mag Qual sein oder Freude, in jedem Fall ist es meine Wahl. Ich glaube wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem wir uns der verwendeten Sprache und ihrer Macht mehr und mehr bewusst werden (können). Wir leben in einer Zeit, in der wir die Menschen wertschätzen können, wie sie sind. Und selbst wenn uns das persönlich schwer fallen mag, welcher Zacken bricht uns denn bitteschön aus dem privilegierten Krönchen, wenn wir sprachlich mehr Menschen ins Boot holen als zuvor? Ich glaube fest daran, dass wir mehr gewinnen können, wenn wir nicht nur alle Menschen „mitmeinen“, sondern sie so gut wie möglich auch „mitnennen“.
Die Untersuchungen dazu, wann sich arbeitssuchende Menschen auf Stellenausschreibungen bewerben belegen meine eher emotionale Sicht zu dem Thema übrigens – zumindest für den Bereich „weiblicher“ Bewerbungen.

Das Gendersternchen wurde nebenbei gesagt zum Anglizismus des Jahres 2018 gewählt. Weil die Verwendung des Wortes, das um 2013 noch als „Gender Star“ in unsere Sprache einzog, sprunghaft zugenommen hat. Und weil es „eine Perspektive auf das Geschlecht als kulturell hergestellter und damit veränderbarer Kategorie“ ermöglicht – so die Jury.

Sprache ist ein flexibles Ding. Ebenso wie unsere Perspektiven auf die Welt. Lasst uns doch einfach damit spielen und uns ausprobieren. Lasst uns doch zu Dichter*innen und Denker*innen einer bewussteren Sprache werden. Oder dichtenden und denkenden Personen, wenn es auf einer Website erscheint (für die Vorlesesoftware), oder einfach weil sich das schöner anhört für die schreibende Person. Hauptsache es wird nachgedacht über und für mehr sichtbare Vielfalt.
Denn wir haben die Wahl, ob wir unsere Gesellschaft zu einem angenehmen Ort für möglichst viele Menschen machen.

Und wenn Sie Hilfe brauchen sich unbewusster diskriminierender Strukturen bewusst zu werden oder Texte und Bilder auf Diskriminierungen untersuchen lassen wollen schreiben Sie mir doch einfach gleich jetzt oder rufen Sie mich an.

 

 

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